Der Columbo aus dem Allgäu
Südkurier
Von Margit Hufnagel
Nicht einmal einen Vornamen hat er, der Herr Kommissar. Kein Glamour, kein Esprit, nicht einen Hauch von Sex-Appeal besitzt er mit seiner Ungelenkigkeit und dem alten Lodenmantel. Man weiß bisweilen nicht, wovor einem mehr gruseln soll: Den Verbrechen selbst oder doch vor der Spießigkeit des Allgäuers. Nein, Kluftinger ist alles andere als ein James Bond. Eine Mischung aus Heinz Schenk und Batman sehen seine Schöpfer, die beiden Allgäuer Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr, in dem schrulligen Kriminaler – wobei der Schenk-Anteil überwiegen dürfte. Vielleicht noch mit einer Prise Columbo.
Und doch oder gerade deswegen hat sich eine regelrechte Fangemeinde um den etwas altmodischen Helden formiert. Einem Helden, der so viele Klischees erfüllt und doch in keines so richtig passt. „Kluftinger, der ist eben so wie die Leut'“, sagt Kobr in seinem Allgäuer Zungenschlag und lehnt sich weit in den Ledersessel in der Tuttlinger Stadthalle zurück. 821 Zuhörer hat er eben mit seinem Freund und Kollegen Klüpfel bei einer Lesung begeistert, der Veranstalter turnt freudig-aufgeregt um die beiden herum. 821 – „mehr als die Chippendales“, die Stripper waren seine Messlatte.
Klüpfel und Kobr bleiben gelassen, der Allgäuer an sich ist eben eine bescheidene Natur, da sind die Autoren ganz wie ihr Hauptdarsteller. Hubschrauber? Yachten? „Ich werd' so schnell seekrank“, witzelt Kobr. „Und irgendwie ist das in Augsburg auch unpraktisch“, sagt Volker Klüpfel, der in der bayerisch-schwäbischen Metropole nicht nur lebt, sondern trotz 1,9 Millionen verkaufter Bücher auch noch arbeitet. Vier Tage die Woche – einzig den fünften, den haben sich der Kulturredakteur und der Realschullehrer geschenkt. Die Kollegen, die festen Termine, das gemeinsame Essen in der Kantine. „Das verortet so schön“, gesteht der 37-jährige Klüpfel.
Nur die Schüler, die behandeln Michael Kobr nach seinem Geschmack zuweilen ein wenig zu ehrfürchtig. „Das muss man manchmal etwas zurechtrücken“, erklärt er. Starallüren mag er nicht. Man glaubt's. Ihr Lausbuben-Charme hilft ihnen, dass Zweifel an der Bodenständigkeit gar nicht erst auftauchen. „Wir waren jetzt vier Wochen auf Platz 1 der Bestsellerliste, und das Schnitzel schmeckt immer noch genauso wie vorher“, sagt Kobr – ein Vergleich, den nicht nur der Allgäuer versteht. Überhaupt, Erfolg, das sei so etwas Abstraktes. Klar, man habe anfangs schon gedacht, dass jetzt doch gleich die Fanfarenklänge einsetzen müssten. Doch dann war alles viel weniger spektakulär.
Und wie sie so erzählen, da wirkt auf einmal auch ihr Schriftstellerleben wie ein disziplinierter, ja anstrengender Broterwerb mit klarem Schema: Ideensammlung, Recherche bei Ämtern, Behörden, Medizinern, arbeitsteiliges Schreiben. Jeder musste einen Teil seines persönlichen Stils abgeben, schreiberische Eitelkeiten ganz tief begraben. „Beim ersten Band waren wir drauf und dran alles hinzuschmeißen“, erinnern sie sich. Konfliktpotenzial gibt es immer noch, aber auch die feste Regel: Absprachen werden eingehalten, raus geht nur, womit beide zufrieden sind.
Kluftinger lässt eben keinen Spielraum für Egozentrik. Das mag so mancher Kritiker bedauern, die meisten wissen es zu schätzen. Gerade im Alltäglichen liegt bei diesen Krimis das Besondere. „Klufti“ isst lieber Kässpätzle als Sushi, findet es auf dem heimischen Sofa am schönsten und kommt mit all dem neumodischen Handy- und Computerkram so gar nicht klar. „Der putzt seinen verschütteten Kaffee mit den Socken auf und gibt's auch noch zu“, sagt Kobr. Die Autoren finden die richtige Balance zwischen Schenkelklopfer und leisem Spott, Heimatliebe und Weitblick, Spießertum und Intelligenz. Kommissar Kluftinger ist immer altmodisch, niemals reaktionär. Er liebt seine Ehefrau Erika, auch wenn er das ihr niemals sagt. Eben wie im echten Leben.
Aber wer ist eigentlich diese Erika, der man so gar kein Adjektiv zuordnen kann? Sie ist nicht unterwürfig, nicht rebellisch, sie ist kein Hausmütterchen und auch kein Vamp. „Erika ist so wie unsere Mütter“, erklärt Klüpfel. „Man kann nicht nur Leute mit Neurosen haben, sonst wird das Ganze zu einem unglaubwürdigen Figurenkabinett.“ Charaktere um den Preis eines Lachers zu verbiegen, wäre Verrat. Den begeht man nicht im Allgäu.
Der Erfolg des Autoren-Duos hat inzwischen das Fernsehen angelockt. Nicht die großen Sender, aber doch die Regionalliga: Mit Herbert Knaupp in der Hauptrolle hat das Bayerische Fernsehen Kluftingers zweiten Fall, „Erntedank“, verfilmt und eine Rekordquote eingefahren: 2,37 Millionen Zuschauer, sogar gegen die Samstagabend-Unterhaltungsshows konnte man sich durchsetzen. Das soll natürlich kein Einzelfall bleiben. „Man darf davon ausgehen, dass es weitergeht“, sagt Volker Klüpfel ein wenig durch die Blume. Aber wohl noch nicht im nächsten Jahr.
Bis dahin müssen sich Fans mit den Lesungen über Wasser halten. Das erfordert zwar einige Mühe, um überhaupt noch an Karten zu kommen – doch der Auftritt der beiden Autoren ist ein Erlebnis für sich. Mit verstellten Stimmen und Dialekten erwecken sie ihre Bücher zum Leben. Bühnenreif, im wahrsten Sinne des Wortes. Und dann wird es natürlich irgendwann auch Kluftingers sechsten Fall geben. „In den allerletzten Band schreiben wir dann auch Kluftingers Vornamen“, sagt Klüpfel und lässt sich noch ein wenig tiefer in den weichen schwarzen Sessel in der Tuttlinger Stadthalle sinken. Aber bis dahin könne ruhig noch ein wenig Zeit vergehen. „So in Band 73, vielleicht.“