Himmelhorn

Sein neunter Fall führt den Kult-Kommissar Kluftinger in die Allgäuer Alpen, genauer gesagt auf das Himmelhorn, einen der gefährlichsten Berge des Allgäus. Natürlich liebt Klufti die Berge – wenn sie kässpatzenförmig auf seinem Teller aufragen. Doch der neueste Streich von Gesundheitsfetischist Langhammer befördert den Kommissar samt E-Bike tief in die Allgäuer Alpen, wo die beiden prompt auf drei Leichen stoßen: ein bekannter Dokumentarfilmer und zwei einheimische Bergführer, die einen Film über die Erstbesteigung des Himmelhorns drehen wollten. Wie es scheint, waren sie dem als äußerst gefährlich geltenden Gipfel nicht gewachsen. Die Ermittlungen im Umfeld der Toten führt Klufti in sehr abgelegene Alpentäler und zu deren starrköpfigen Bewohnern, die noch wortkarger sind als er. 

Die Schauplätze des Buches

Das Oytal im südlichen Oberallgäu - malerisch und geheimnisvoll.

Ein erster Blick auf das Himmelhorn.

Schilder warnen vor den Gefahren, die in dieser hochalpinen Landschaft lauern.

Majestätisch ragt das Himmelhorn über dem Oytal auf.

Die Bergkulisse führt den Menschen vor Augen, wie klein und unbedeutend sie im Angesicht der Bergmassive sind.

Geschah hier der tragische Absturz?

Fanden sie in diesem Tobel den Tod?

Ein Blick auf die Grasflanke, den Einstieg in den legendären Rädlergrat.

Das Oytalhaus - mehr als einmal Station bei Kluftingers Ermittlungen.

Eine archaische Landschaft.

Hinter dem Himmelhorn erheben sich gewaltige Bergmassive.

Das Grab des legendären Allgäuer Bergsteigers und Eiger-Nordwand-Erstbezwingers Anderl Heckmair auf dem Friedhof in Oberstdorf.

Andi Heckmair, Sohn von Anderl, bei seiner Besteigung des Himmelhorns an der senkrechten Grasflanke. Heute sagt er selbst, das das ein ziemlicher Leichtsinn war, diesen unglaublichen schwierigen Berg über den Rädlergrat zu besteigen.

Leseprobe


Um ein Sträußchen Edelweiß,

gab er hin den höchsten Preis.

Er fiel nur dreißig Meter weit

und doch bis in die Ewigkeit.

(Inschrift auf einem Wegkreuz nahe des Himmelhorns)

 

Es war der entsetzlichste Abgrund, in den er je geblickt hatte. Wenn es irgendetwas Tröstliches daran gab, dann die Tatsache, dass er noch unten stand und nach oben schaute. Noch nicht dort war, wohin er musste. Noch am Anfang dessen, was sein Ende bedeuten könnte.

Unstet huschte sein Blick über vom Tau glitzernde, frühlingshafte Wiesen, über die schroffen, steil aufschießenden Felswände, suchte Halt an den zerklüfteten Vorsprüngen und blieb an dem winzigen überhängenden Plateau hängen, das wie ein schiefer Zahn aus einem dunklen Maul herausragte. Dort musste er hinauf. Um sich dann wieder hinunterzustürzen in die Tiefe, schwarz und bedrohlich, ein Schlund, der ihn gierig verschlingen und nur mit Glück wieder ausspucken würde, verwundet, versehrt. 

Sollte er das wirklich tun? Sein Vorhaben schien ihm nun noch aberwitziger als zuvor. Doch es gab kein Zurück. Er spürte, wie seine Hände feucht wurden, und wischte sie an der Hose ab. Gab es wirklich kein Zurück? Einen Lichtstrahl der Hoffnung im Schatten dieser gewaltigen Wand …

„Na, majestätischer Anblick, was?“ 

Wuchtig schlug ihm sein Nebenmann die Hand auf die Schulter. Der Schmerz vertrieb kurzzeitig seine düsteren Vorahnungen und machte der Wut auf den Mann Platz, dem er die missliche Lage zu verdanken hatte: Doktor Martin Langhammer. 

Der plauderte munter weiter: „Da wünscht man sich doch die Zeit zurück, als man noch im Einklang mit der Natur gelebt hat, noch gänzlich unbehelligt von den vermeintlichen Segnungen unserer modernen Zeit.“

Kluftinger nickte: „Wo die Menschen noch schweigen konnten und nicht jeden stillen Moment mit ihrem Geschwätz zerstört haben.“

Der Allgemeinarzt sah sein Gegenüber mit großen Augen an: „Genau, mein Lieber, da sind wir ja ausnahmsweise mal einer Meinung. Ich finde auch, dass man die Bergwelt nur in stiller Einkehr richtig erfassen kann. Nur die Ruhe macht diese archaische Kulisse erfahrbar, nur die …“

„Dann tun Sie’s doch endlich!“

„Was denn?“

„In stiller Einkehr richtig erfassen.“

Der Doktor gluckste. „Na, ich will doch meine Eindrücke mit meinem Freund teilen.“ Wieder schlug er dem Kommissar auf die Schulter, ließ seinen Arm diesmal aber liegen.

Kluftinger entwand sich ihm. „Welchem Freund? Außer mir seh ich niemanden.“

„Genau wie ich gesagt habe! Niemand hier außer uns. Ist für Biker noch ein echter Geheimtipp. Hierher verschlägt es kaum jemanden.“

Diese Information ließ Kluftingers Unbehagen noch wachsen. „Meinen Sie nicht, dass es vielleicht seine Gründe hat, dass da keiner her will? Und überhaupt: Ist es heut nicht ein bisschen zu feucht und glitschig zum Radeln?“ Er wollte die Hoffnung auf eine Rettung in letzter Minute noch nicht aufgeben.

„Zum Radfahren vielleicht, aber mit unseren Mountainbikes macht uns das nichts aus.“

„Macht es nicht?“

„Nein, im Gegenteil, das steigert die Herausforderung beim Biken.“ Mit diesen Worten öffnete Langhammer seine Windjacke, worauf Kluftinger reflexartig die Augen zusammenkniff, denn ihm leuchtete ein neongrünes Trikot entgegen.

„Kriegen Sie dafür Geld?“, fragte der Kommissar und zeigte auf die zahlreichen Werbeaufdrucke.

„Ha, schön wär’s. Nein, das ist einem Mannschaftstrikot der Tour de France nachempfunden. Wunderschöne, originalgetreue Replika. Na ja, bis auf die Protektoren hier, hier und hier.“ Er zeigte auf seine Unterarme, die Ellenbogen und den Rücken. „Sie sind wirklich sicher, dass Sie ohne fahren wollen?“

„Ich hab Ihnen schon gesagt, dass ich von vornherein nirgends runterfahr, wo ich solche Dinger brauchen tät.“

„Ja, schon gut. Wir lassen es ganz langsam und sanft angehen. Sag ich den Damen auch immer.“ Der Arzt zwinkerte ihm grinsend zu und Kluftinger seufzte gequält. „Nein, im Ernst, Sie müssen erst Ihren Rhythmus finden, damit es Ihnen auch Freude bereitet. Wir wollen ja noch viele schöne Biketouren zusammen unternehmen.“ 

Nach dieser Drohung kam dem Kommissar die Sache mit dem Abgrund auf einmal ganz verlockend vor. Er seufzte und dachte darüber nach, wie er in diese Situation hineingestolpert war. Eigentlich hätte er es kommen sehen müssen, als vor zwei Monaten zu seinem Geburtstag dieses schwarz glänzende E-Bike mit einer Schleife vor ihm gestanden hatte. Aber er war ein wenig geblendet gewesen von der Vorstellung, nun tatsächlich wieder öfter aufs Rad steigen zu können. Und die Tatsache, dass nicht nur Erika und die Kinder, sondern auch der Vater seiner japanischen Schwiegertochter an dem Geschenk beteiligt waren, hatte es sowieso unmöglich gemacht, es abzulehnen. Letzterem hatte er auch ein weiteres Gadget zu verdanken, wie Yoshifumi Sazuka in seiner Geburtstags-E-Mail geschrieben hatte: eine kleine Kamera, die auf den Lenker montiert war. Da der Japaner leider keine Zeit hatte, schon wieder nach Deutschland zu kommen, um sein Geschenk mit ihm auszuprobieren, hatte er Kluftinger gebeten, Filme von seinen Touren aufzunehmen und ihm zu schicken. 


Sein Fall führt Kluftinger tief in die Vergangenheit des einsamen Bergtals...

Als dann Langhammer − bei seinem alljährlichen Geburtstagsbesuch ohne Einladung − von dem Geschenk erfuhr, hatte er sich nur wenig später ebenfalls ein elektrisch angetriebenes Rad gekauft. Ob er es getan hatte, damit er mit Kluftinger auf Tour gehen konnte, oder weil er es nicht ertrug, dass der notorische Technikverweigerer nun über ein Spielzeug verfügte, das er selbst nicht besaß, wusste der Kommissar nicht, mutmaßte aber, dass beides zutraf.

„Dann wollen wir das schwere Gerät mal auf die Straße bringen“, riss ihn der Doktor aus seinen trübsinnigen Gedanken. „Nur gut, dass ich den Neuen hab. Kommt man ja überall hin damit.“ Mit dem Neuen meinte Langhammer sein Mercedes-SUV, dessen Vorzüge er Kluftinger während der gesamten Fahrt in die Oberstdorfer Berge angepriesen hatte, als wolle er es ihm gleich weiterverkaufen. Dabei hätte der Kommissar ein solches Monstrum an Auto nicht einmal geschenkt haben wollen. Weswegen er Langhammers Kurzreferate über die Errungenschaften des modernen Autobaus immer mit einem „Früher konnten die Leut noch Auto fahren, da hat’s den ganzen Schmarrn nicht gebraucht!“ quittierte. Er wusste wirklich nicht, welche Vorteile es haben sollte, ständig mit einem solchen Ungetüm durch die Gegend zu kurven, keine passenden Parkplätze zu finden und darüber hinaus regelmäßig einen sich rapide leerenden Achtzig-Liter-Tank füllen zu müssen. Mit seinem Passat war er immer überall hingekommen, und auch die aktuelle Abgasaffäre konnte ihm nichts anhaben, weil sein Wagen sowieso weit über allen Grenzwerten lag − das aber aufgrund der durch H-Kennzeichen verbrieften Anerkennung als Oldtimer auch durfte. 

„Nein, danke, geht prima, inkommodieren Sie sich nur nicht“, ätzte der Doktor, als er das erste Rad vom Autodach hievte, wobei er sich auf den Schweller der geöffneten Fahrertür stellen musste.

„Herr Doktor, wollen Sie jetzt wirklich da stehen bleiben?“, fragte Kluftinger mit skeptischem Blick. Schlimm genug, dass sie überhaupt so weit gefahren waren: Schon vor drei Kilometern hatte ein Schild darauf hingewiesen, dass man den weiteren Weg ins Naturschutzgebiet Oytal nur mit einer Genehmigung der Gemeinde Oberstdorf befahren dürfe − die sie allerdings nicht hatten. Kurzzeitig war da die Hoffnung in Kluftinger aufgekeimt, ihr Ausflug fände womöglich ein frühes Ende, doch der Doktor erklärte ihm, dass er nur die Rettungsjacke von seinen Notarzteinsätzen im Auto drapieren müsse, was allen Parkwächtern und Politessen als ein ungeschriebener Kodex gelte und sie dieses Auto in Ruhe ließen. Und wenn man ihn anhalten sollte, habe er schließlich einen leibhaftigen Hauptkommissar dabei, der ihm aus der Patsche helfen würde. 

Resigniert sah Kluftinger dem Doktor nun dabei zu, wie er sich auf dem Dach an Kluftingers Rad zu schaffen machte, nicht ohne vorher noch ein mikroskopisch kleines Staubkörnchen von der Silberlackierung des Autos zu pusten. „Ganz schön schwer, diese Dinger“, keuchte er, als er das E-Bike anhob. 

„Soll ich helfen?“, fragte Kluftinger, ohne Anstalten zu machen, wirklich Hand anzulegen.

„Nein, geht schon“, presste der Arzt hervor, doch in diesem Moment entglitt ihm seine Fracht und eines der Pedale ritzte mit einem satten Geräusch eine tiefe Kerbe in die jungfräuliche Lackierung des Wagens. Für einen Moment stand der Doktor wie versteinert da, das Rad immer noch in den Händen, die Augen ungläubig geweitet. Dann begannen seine Arme ob der Anstrengung zu zittern und er stellte es ab.

„Das ist doch … das kann doch nicht …“, stammelte er.

„Ach, das sieht man doch kaum“, kommentierte der Kommissar vergnügt, worauf Langhammers Lippen zu beben begannen. „Ist wie bei frisch gewachsten Ski: Der erste Stein auf der Piste tut einem noch in der Seele weh, aber danach ist einem gleich viel leichter ums Herz.“

„Leichter?“ Die Stimme des Doktors hatte einen hysterischen Unterton angenommen. „Leichter?“

Es dauerte fast zehn Minuten, bis er sich beruhigte, was auch daran lag, dass er − bei äußerst dürftiger Datenverbindung − die Versicherungsbedingungen seines neuen Autos mit dem Smartphone gegoogelt hatte. Als er überzeugt war, dass der Schaden ohne finanzielle Einbußen von der Vollkasko übernommen würde, normalisierte sich sein Puls wieder. „Nun gut, lassen wir uns den schönen Tag durch dieses schreckliche Unglück nicht verderben.“

„Welchen schönen Tag?“, wollte Kluftinger wissen. „Und welches Unglück?“ 

„Schon gut, jetzt sollten Sie sich aber allmählich umziehen, damit wir los können.“

„Wie, umziehen?“ Kluftinger blickte an sich herab. Gut, er war nicht mit der High-Tech-Bikewear ausgestattet, die der Doktor so anpries. Aber auch er hatte auf Funktionalität gesetzt und seine Alltags-Lederhose angezogen. Dazu trug er ein kariertes Wanderhemd und ein Halstuch, falls es frisch werden sollte. Den Janker hatte er im Rucksack verstaut. Aus seiner Sicht war er perfekt gekleidet. Nur sein alter Mopedhelm mit dem hellblauen Mittelstreifen und dem zerkratzten Visier entsprach vielleicht nicht ganz dem Stand der aktuellen Rad-Technik, war aber immer noch besser als dieses goldfarbene Weltraumding, das der Doktor gerade aufzog. 

Langhammer jedoch schien völlig anderer Meinung, was Kluftingers Ausrüstung betraf. „Sie wollen doch nicht wirklich damit aufs Rad steigen?“

„Wir können gern wieder heimfahren, wenn sie meinen, dass ich nicht standesgemäß angezogen bin.“

„Aber Kluftinger, so war das doch nicht gemeint. Ich mache mir ja nur Sorgen um Sie, nicht dass Sie sich erkälten, weil Sie die falschen Klamotten anhaben. Wir werden ganz schön ins Schwitzen kommen und bei der Abfahrt kann es zugig sein!“

Kluftinger war ein wenig beschämt, denn er wusste, dass der Doktor es gut meinte. „Keine Sorge, das passt schon so. Und wenn ich doch krank werden sollte, dann kenn ich da einen relativ passablen Arzt“, versuchte er sich an ein wenig Wiedergutmachung. 

„Irrtum. Den besten!“, ließ ihn Langhammer seinen Versöhnungsversuch gleich wieder bereuen.

Dann legte sich Kluftinger unter den skeptischen Blicken des Doktors seinen Helm an, zog den porösen Lederriemen unter dem Kinn fest und rief: „Also, bringen wir’s hinter uns.“

„Nicht so voreilig, erst muss ich noch Ihre Kamera anknipsen.“ Er drückte auf einen Knopf an dem kleinen Kästchen an der Lenkstange, dann tat er bei seinem Fahrrad das gleiche. Langhammers „Cam“, wie er sie nannte, war allerdings nicht wie Kluftingers nach vorn, sondern auf ihn selbst gerichtet.

„So, und nun muss ich Ihnen noch das Fahrrad erklären“, tönte der Arzt.

„Was?“, schrie Kluftinger. Unter dem Integralhelm konnte er Langhammer kaum noch verstehen. 

„Das Rad! Erklären!“ 

„Bitte, Herr Doktor, ich fahr Fahrrad seit ich … zwölf bin.“

„Ja, aber bei einem E-Bike gibt es doch einiges zu beachten.“

„Ich hab das Ding doch länger als Sie!“

„Aber Sie haben es ja noch nicht ausprobiert. Und wie ich Sie kenne auch die Gebrauchsanweisung nicht gelesen. Wie heißt denn zum Beispiel Ihr Modell?“

„Hans vielleicht.“

„Sehen Sie, was ich meine?“

Der Kommissar rang sich missmutig ein Nicken ab, während Langhammer darauf bestand, ihm zumindest die wichtigsten Funktionen zu erläutern, etwa, wie die Stärke des Hilfsmotors einzustellen war. 

„Wieso einstellen? Ich will volle Kraft. Immer.“

„Ich persönlich gedenke, die Maschine nur im Notfall zuzuschalten. Das erhöht den Trainingseffekt. Außerdem wird der Akku sonst viel zu schnell leer.“

„Ja mei, dann müssen wir halt schweren Herzens wieder heimfahren.“

„Zudem ist es bei engen Kurven nicht ratsam, mit vollem Schub …“

„Ich versteh Sie nicht!“, schrie Kluftinger, auch wenn das nicht stimmte, und deutete auf seinen Helm.

„Erst mal nur Stufe eins. EINS! ONE! UNO! Verstanden?“

Kluftinger reckte den Daumen nach oben und stieg auf sein Rad. Er erwartete, dass der Doktor es ihm gleichtat, doch der drückte erst noch auf seiner Armbanduhr herum, die Uhrzeit, Luftdruck, Höhe, Pulsfrequenz und die zurückgelegte Strecke maß, wie er vorher geprahlt hatte − und wahrscheinlich auch noch den Busfahrplan und die Supermarkt-Sonderangebote anzeigte, vermutete der Kommissar.

Dann fuhr Langhammer in gemächlichem Tempo los. Kluftinger blickte auf seinen Lenker mit dem kleinen Schalter für den Elektromotor. Er überlegte kurz, zuckte dann mit den Schultern, stellte das Hebelchen auf MAX und trat in die Pedale.

Sofort machte das Rad einen Satz nach vorn und Kluftinger entfuhr ein unkontrollierter Schrei. Das war weitaus mehr Schub, als er erwartet hatte. Ob er doch erst einmal einen Gang runterschalten sollte? Schmarrn, sagte er sich. Erst schlingerte er ein wenig, doch schnell hatte er den Bogen raus und entspannte sich. Diese neue Rad-Erfahrung war einfach großartig. Es war dasselbe Gefühl, als würde er eine Rolltreppe hinaufrennen: Als hätte er Sieben-Meilen-Stiefel an, preschte das Rad bei jedem Tritt nach vorn, wobei er kaum Kraft dafür aufwenden musste. Der Fahrtwind war sogar durch seinen Integralhelm spürbar und mit jedem Meter wurde das Grinsen auf seinem Gesicht breiter. Sein Spaß an dieser neuen Art der Fortbewegung wuchs sich zu einer kindlichen Freude aus, als er fast lautlos am Doktor vorbeizog. Er hob lediglich eine Hand und winkte ihm, ohne sich umzudrehen.

„Halt, Sie sind viel zu schnell … ich hab doch gesagt nur Stufe eins!“, keuchte der Arzt hinter ihm, doch Kluftinger hörte ihn nur wie durch einen Schleier, was zum einen an seinem Helm, zum anderen am Rausch der Geschwindigkeit lag, den er verspürte. Er genoss den Moment, die wunderschöne Landschaft, die klare Luft, die …

„Das ist doch kein Sport so!“, hörte er plötzlich jemanden schreien. 

Der Kommissar wandte den Kopf und sah Langhammer mit gerötetem Gesicht neben sich auftauchen. Er hatte sich aus dem Sattel erhoben und stieg mit aller Kraft in die Pedale. Kluftinger verstand nicht, warum sich der Doktor so plagte, wo doch das Rad die ganze Arbeit hätte übernehmen können. Wieder winkte ihm Kluftinger zu, dann trat er etwas kräftiger und zog davon. So fuhr er eine ganze Weile, bis er an eine Weggabelung kam und anhielt. Er drehte sich nach dem Doktor um und erkannte ihn als kleinen Punkt, der gerade aus einem Waldstück herausfuhr. Als er zu ihm aufgeschlossen hatte, schwitzend und noch immer aufrecht stehend, fragte Kluftinger: „Wo geht’s eigentlich hin?“

„Also wissen Sie, was soll denn das? Das ist doch kein Rollstuhl, man muss schon selbst auch noch was tun.“

„Muss man eben nicht.“

„Sie wissen schon, was ich meine.“

„Wohin?“

„Wir müssen hier rechts noch ein Stück nach oben, den Trail in Richtung Seilhenker.“

„Bitte was?“

„Trail. Weg.“

„Nein, ich mein das mit dem Seil.“

„Seilhenker. So heißt der Berg.“ Langhammer stieg ab. „Sehen Sie, da gegenüber ist der Schneck, hier im Vordergrund das Himmelhorn …“

„Ja, ja, die kenn ich auch alle.“ Kluftinger ärgerte sich, dass dieser Flachlandtiroler ihm seine Berge erklären wollte. Er blickte in die Richtung, in die der Doktor gewiesen hatte. Seilhenker schien ihm ein passender Name für den Anstieg, auch wenn er durch das E-Bike deutlich an Schrecken eingebüßt hatte: Der schmale Weg wand sich in Serpentinen den steilen Hang hinauf; obwohl es noch nicht einmal Mittag war, lag die gesamte Steigung bereits im Schatten der mächtigen Gipfel.

„Wenn ich das ohne Kreislaufversagen überleb, dann werd ich nie wieder was Schlechtes über modernde Technik sagen“, murmelte Kluftinger. Galgenhumor schien ihm hier die beste Überlebensstrategie.

„Pause?“

Das Wort war Sirenengesang in Kluftingers Ohren, auch wenn er aus dem Mund des Doktors kam. Sie waren auf halber Höhe des Hanges, und er vermied den Blick nach unten. Besonders wohl war ihm in solchen Situationen nie, noch dazu auf zwei dünnen Reifen statt auf seinen zwei Beinen. 

„Wenn Sie eine brauchen, gern“, gab Kluftinger zurück und stieg sofort ab.

„Nein, also wegen mir können wir ruhig weiterfahren.“

„Ach, das braucht Ihnen doch nicht peinlich sein, Herr Doktor. Sie sind ja doch ein paar Jährchen älter als ich.“ Kluftinger riss sich den Helm vom Kopf. Der Anstieg war selbst mit Hilfsmotor nicht gerade einfach gewesen, und er hatte unter dem viel zu warmen Integralhelm kaum Luft bekommen, trotz des offenen Visiers. Vielleicht war so ein moderner Radhelm doch keine so schlechte Idee. Es würde ja wohl auch noch welche geben, die nicht aussahen als stammten sie aus einem Raumfahrtprogramm.

Sie setzten sich auf einen großen Stein und blickten nach unten. Keiner sagte etwas, aber Kluftinger spürte, dass sie genau dasselbe dachten: Die Aussicht war spektakulär. Er war dem Arzt fast ein bisschen dankbar, dass er ihn hier hinauf gezwungen hatte, was er allerdings tunlichst für sich behielt.

„So, dann genehmigen wir uns mal eine kleine Stärkung.“ Der Kommissar nahm seinen Rucksack vom Rücken, wühlte ein bisschen darin herum und fischte schließlich ein Paar Wiener, etwas Käse, einen Kanten Bauernbrot und eine Flasche Bier heraus.

Ungläubig beobachtete ihn der Doktor dabei. „Wenn Sie das alles essen, werden sie keinen Meter mehr weiterfahren können.“

„Für Sie wird’s immer noch reichen.“

„Jetzt hören Sie mal“, empörte sich der Arzt, „Sie waren doch nur schneller, weil Sie gleich die volle Motorleistung zugeschaltet haben.“

„Die bei der Formel Eins fahren ja auch nicht im ersten Gang.“

„Das ist doch ein absurder Vergleich.“

„Ist auch egal, jedenfalls lass ich mir das jetzt schmecken. Ist eh nur die erste leichte Brotzeit. Die Richtige kommt später noch.“

„Ach, Sie haben noch mehr dabei?“

„Sie nicht?“

Langhammer hielt einen Energieriegel hoch. „Das reicht mir.“

„Und gar nix zum Trinken?“

„Doch, immer am Mann.“ Er neigte den Kopf, nuckelte ein bisschen an seinem Rucksackträger herum und ließ dann ein zufriedenes „Ahhh!“ vernehmen.

Kluftinger verzog angewidert das Gesicht. „Haben Sie grad den Schweiß aus ihrem Tragegurt rausgezuzelt oder was?“

„Iwo, das ist mein Camelbag.“ Jetzt erst sah Kluftinger das Ende eines Schlauches an Langhammers Tragegurt. „Sie wissen schon, wie die Wüstenschiffe. Alles im Rücken gespeichert.“

„Ja, verstehe, und mit einem ähnlich dämlichen Gesichtsausdruck, wenn ich das richtig sehe“, brummte der Kommissar in sich hinein.

Nachdem Langhammer seinen Riegel verspeist hatte, zog er ein kleines Fernglas aus seinem Rucksack und suchte damit die Hänge ab. „Irgendwo müssen die doch sein, diese Steinböcke. Mal sehen, ob ich möglicherweise sogar einen Adler aufspüren kann.“

Kluftinger ignorierte seinen Begleiter und genoss weiterhin seine Brotzeit, da stupste ihn der Arzt aufgeregt an. „Da! Dort drüben sind sie, schauen Sie!“

Er reichte dem Kommissar sein Fernglas, der halbherzig hindurchsah. „Ich seh da gar nix.“

„Dort, direkt unter der kleinen Gruppe aus Latschenkiefern.“ Langhammer fuchtelte aufgeregt in der Luft herum. 

Kluftinger zuckte die Achseln.

„Jetzt geben Sie sich mal ein wenig Mühe. Diese Steinböcke sind nämlich eine Besonderheit. Sieht man nur noch ganz selten.“

„Die haben anscheinend keinen Bock, Ihre Böcke“, brummte Kluftinger und wollte den Feldstecher gerade zurückgeben, als ihm an einem der steilen Abhänge auf der gegenüberliegenden Seite etwas auffiel. „Was ist denn das?“

„Ein Bock? Beeindruckend, nicht wahr?“

„Nix Bock.“ Kluftinger drehte am Okular. „Da ist was im Baum.“

„Ein Adler? Ein Falke? Oder ein Murmeltier? Auch die sind hier oben durchaus verbreitet, hört man.“

„Und weil es Sie hat kommen sehen, hat es sich ein buntes Kleid übergezogen und an der nächsten Astgabel erhängt, das Murmeltier, oder wie?“

„Ein Kleid?“

„Ja, da drüben hängt was Farbiges im Baum, ich glaub, das ist ein Rucksack.“

„Rucksack, soso.“ Der Doktor erhob sich. „Na, dann machen wir mal, dass wir weiterkommen. Nicht dass die Verdauung einsetzt und Ihnen die letzten Kraftreserven raubt.“

„Vergessen Sie’s, da müssen wir hin, zu dem Baum.“

Langhammer lachte kurz auf. „Mein lieber Kluftinger, Ihr eigener Rucksack ist zwar nicht mehr auf der Höhe der Zeit, aber in einem solchen Zustand, dass Sie Müll einsammeln müssen, ist nun auch wieder nicht. Wenn Sie sich momentan keinen neuen leisten wollen: Ich hab noch das Vorgängermodell meines aktuellen Daypacks zu Hause hängen, das kann ich Ihnen kostengünstig überlassen.“

„Schmarrn, so ein Rucksack hängt doch nicht einfach von sich aus auf einem zwanzig Meter hohen Baum. Der ist bestimmt oben von der Felskante runtergefallen. Wir müssen nachschauen, nicht dass da jemandem was passiert ist.“

Langhammer griff sich den Feldstecher. „Lassen Sie mal den Fachmann sehen!“

„Fachmann für was genau?“

Der Doktor winkte kommentarlos ab und schaute mit gerunzelter Stirn durchs Fernglas. „Tatsächlich, das sieht fast aus, als wäre der runtergefallen. Von der Felskante vielleicht.“

Kluftinger seufzte.

„Ganz koscher kommt mir das nicht vor. Möglicherweise sollten wir die Sache mal in Augenschein nehmen.“

„Brillante Idee.“

Die beiden packten ihre Rucksäcke und stiegen auf die Räder.

„Jetzt gilt’s. Downhill. Wer als Erster unten ist“, rief Langhammer.

„Ich brech mir nicht dem Hals wegen so einem dummen Wettrennen“, knurrte Kluftinger und ließ es gemächlich laufen. Doch als er das erste Mal in die Pedale trat, tat das Rad einen heftigen Ruck und er raste los, überholte den Doktor, der ihm noch irgendetwas zurief, das wie „Motor aus!“ klang, dann hörte er nur noch das gedämpfte Rauschen des Fahrtwinds unter seinem Helm. Schnell verengte sich der Weg zu einem Pfad, über den immer wieder dicke Wurzeln verliefen, die das Rad gefährlich ins Schlingern brachten. Und das bei diesen halsbrecherischen Kehren. Panisch zog Kluftinger am Bremshebel und drückte den Knopf, mit dem man den Elektromotor ausschaltete, doch der gab weiterhin Schub. War es doch der andere Schalter gewesen? Der Kommissar schwitzte trotz des kalten Fahrtwinds. Er konnte sich nicht auf die Anzeige konzentrieren, denn ständig musste er Ästen und Steinen ausweichen. In seiner Verzweiflung versuchte er es mit der Rücktrittbremse, doch die Pedale drehten ins Leere, worauf er aus einem Reflex erneut nach vorn trat. Sofort beschleunigte der Elektromotor wieder, gerade, als die Piste noch steiler wurde. Kluftinger schanzte über einen Stein und es hob ihn samt Fahrrad ein Stück in die Luft. Er versuchte, durch Gewichtsverlagerung eine weiche Landung hinzubekommen, und zischte gleichzeitig ein Stoßgebet: „Großerhimmelvatterstehmirbei! Gerade jetzt, wo der Markus mir einen Enkelsohn schenkt. Wenn ich das überleb, zünd ich in Maria Rain ein Dutzend Kerzen an.“ 

Er sah sich bereits ins Unterholz stürzen, doch in letzter Sekunde gelang es ihm, das Rad auf Kurs zu bringen. Sofort bremste er so stark, dass er beinahe über den Lenker geflogen wäre, dann wurde er endlich langsamer und das Terrain flacher. Kluftinger bog zitternd auf die breite Schotterstraße ein, von der sie vorhin nach rechts abgebogen waren. Der Kommissar ließ das Fahrrad ausrollen, nahm den Helm ab und wischte sich mit der Hand den Schweiß vom Gesicht. Erst jetzt merkte er, dass auch sein Hemd völlig durchgeschwitzt war. 

Von oben hörte er ein leises Knacken, dann das Quietschen der Scheibenbremsen des Doktors, der seinen Rückstand allmählich aufholte. Da packte Kluftinger doch noch der Ehrgeiz. Die Möglichkeit, den Quacksalber auf sportlichem Gebiet das Fürchten zu lehren, würde es frühestens im Winter beim Skifahren wieder geben. Und bis dahin dauerte es fast noch ein Dreivierteljahr.

Also gab er sich einen Ruck, trat mit voller Wucht in die Pedale und nahm nun, da es nicht mehr bergab sondern bergauf ging, kämpferisch den Gegenhang in Angriff. Die Pedale boten kaum Widerstand, fast mühelos schaffte er wie vorher den steilen Anstieg. Hin und wieder wandte er sich nach seinem Begleiter um, doch Langhammer war noch nicht einmal an der Talsohle angekommen, als Kluftinger schon die Hälfte der Steigung hinter sich hatte. 

Hinter einer kleinen Felskante tauchte nun die Baumgruppe auf, die er vorher mit dem Fernglas gesehen hatte. Er hielt darauf zu und erblickte den Rucksack in einer der Baumkronen. Er seufzte. Das Ding war so weit oben, dass es ihnen nie gelingen würde, es zu bergen. Über dem Wäldchen baute sich drohend eine Felswand auf. Ob der Rucksack von dort ... 

Da hörte er in seinem Rücken ein Geräusch, schwang sich schnell vom Rad, öffnete den Rucksack, nahm seine Sitzunterlage heraus, ließ sich darauf nieder, atmete tief durch und biss genüsslich in einen Apfel, als Langhammers Fahrradhelm hinter der Kante sichtbar wurde. Pfeifend stimmte Kluftinger die Bergvagabunden an und schaute dem Doktor dabei zu, wie der sich mit rotem Kopf den Berg hinaufquälte. Als er in Hörweite war, legte der Kommissar los: „Herr Langhammer, Sie schnaufen ja wie ein dämpfiges Ross, was ist denn los mit Ihnen? Ich wollte schon die Bergwacht rufen.“

„Ich wollte lediglich meinen Akku schonen und hatte nur zehn Prozent Unterstützung drin. Mein Bike hat neulich bei einer Ausfahrt unvorhergesehen schlappgemacht.“

„Mei, wie der Herr so s’ G’scherr, heißt es bei uns.“

„Wie auch immer, ich muss Ihnen tatsächlich Respekt zollen, wie Sie da hinuntergebrettert sind. Hut ab, so einen halsbrecherischen Fahrstil hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.“

„Wer kann, der kann, Herr Doktor.“

„Na ja, bei Ihnen zieht einfach auch die Masse schon kräftig talwärts, nicht wahr, mein Lieber?“

„Jetzt werden Sie nicht unverschämt! Ich hab vielleicht ein bisschen mehr Körper als Sie, aber den beherrsch ich dafür besser. Das hilft einem ungemein, wenn man sich in die Kurven legen muss.“

„Wollen wir uns Ihre Kamikaze-Fahrt gleich mal auf der Kamera anschauen?“

Abrupt erhob sich der Kommissar. Er dachte an sein Stoßgebet und erwiderte rasch: „Ach was, die ... soll doch erst noch weiter filmen, dann können wir alles am Stück anschauen.“

Langhammer zuckte mit den Achseln. „Wo ist denn nun das Corpus Delicti?“

„Da oben, direkt über Ihrer Glatze.“

Der Doktor legte den Kopf in den Nacken. „Oh, ziemlich unzugänglich das Ganze. Da würde selbst ich mich schwertun hinaufzukommen.“

Erst jetzt fiel Kluftinger das Stück Seil mit dem offenen Karabinerhaken auf, das etwas unterhalb des Rucksacks im Wind baumelte. Ein allzu bekanntes Gefühl breitete sich in seinem Magen aus – und das verhieß nichts Gutes. 

„Vielleicht sollten wir uns in der Umgebung ein wenig umsehen“, regte Langhammer in seinem Hobbydetektiv-Tonfall an. „Möglich, dass wir auf weitere Fundstücke und Indizien stoßen, die es uns ermöglichen, den Vorgang zu rekonstruieren.“

Kluftinger nickte genervt.

„Sehen Sie mal, hier ist ein Seil, und dort unten liegt ein Bergschuh“, tönte der Doktor wenig später. An einer kleinen Fichte hing in Kopfhöhe ein Seil. Allerdings keines dieser modernen Bergseile, sondern ein altertümliches aus Hanf. Kluftinger schluckte, als der Doktor ihm den ledernen Schuh zeigte, der ein wenig abseits des Weges zum Liegen gekommen war. Einen Schuh verlor man nicht einfach. Schon gar nicht im Gebirge. Er blickte nach oben, wo der Rucksack hing, dann zum Schuh. Schließlich ging er ein paar Schritte auf den Abhang zu, der steil in einen Tobel abfiel.

„Wir müssen hier systematisch alles abscannen, Kluftinger. Hören Sie? So sagen Sie doch was.“

Doch der Kommissar schüttelte nur langsam den Kopf und streckte die Hand aus. Was er am Grund des Tobels entdeckt hatte, hatte ihm buchstäblich die Sprache verschlagen. 

Nun näherte sich auch Langhammer mit fragendem Blick der Abbruchkante. „Haben Sie den zweiten Schuh ... Scheiße.“